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Katia Tchemberdji

Komponistin, Pianistin
 

Berliner Zeitung 16. Juni 2009 Feuilleton

Mit der E-Gitarre in den Berliner Dom

Die Komponistin Katia Tchemberdji über Herz in der Musik und ihr neues Oratorium "Die Fragen des Bartholomäus"

 

Eine Küche in Schöneberg: Kinderzeichnungen hängen an der Wand; auf dem Tisch steht Tee. Die Komponistin Katia Tchemberdji erzählt von ihrem neuen Oratorium: über Bartholomäus, einen der zwölf Jünger Jesu. Am 20. Juni wird es im Berliner Dom uraufgeführt.

Dem Heiligen Bartholomäus wurde bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen. Fühlen Sie sich ihm nahe?

Bald wahrscheinlich. Während der Uraufführung. Da fühle ich mich meistens entblößt. Ich gebe etwas preis von mir beim Schreiben. Denn Komponieren hat eine große irrationale Seite, bei der etwas zu Tage tritt, was ich sonst verberge. Das Publikum merkt das. Im täglichen Leben aber möchte man auf gewisse Formen und Grenzen achten. Bei einer Uraufführung werden die überschritten.

Ist Ihr neues Oratorium "Die Fragen des Bartholomäus" ein geistliches Werk, das sich zu etwas bekennt?

Damit habe ich mich bislang gar nicht beschäftigt. Vielmehr musste ich im Laufe des Schreibens bestimmte Entscheidungen treffen. Zum Beispiel: Wie geht die Geschichte aus? Im Text stellt der Jünger Bartholomäus Jesus bestimmte Fragen: "Wo warst du während der Kreuzigung? Wohin bist du verschwunden?" Jesus gibt darauf verschiedene Antworten. In einem weiteren Fragment spricht Bartholomäus mit Satan. Es gibt sogar einen Moment, wo alle aufeinander treffen: Bartholomäus, Adam, Jesus, Satan, der Engel- und der Menschenchor. Da musste ich mich entscheiden: Wie geht das aus? Das ist wohl eine Bekenntnisfrage und hat auch mit meinem Glauben zu tun. Konkret: Ich kann es nicht gut ausgehen lassen. Aber ich will es auch nicht schlecht ausgehen lassen. Und ich glaube: Es ist noch nicht ausgegangen.

Ihre Hoffnung ist größer als Ihr Glaube?

Ja. Und das hat ganz banale Gründe: Ich habe zwei Kinder. Und es gibt weitere Menschen, von denen ich mir wünsche, dass sie leben und überleben mögen.

Wie ist Ihr Stück denn musikalisch angelegt?

Es hat vier Sätze, der letzte davon ist rein instrumental. Gespielt wird auf historischen Instrumenten mit alter Stimmung, gemischt aber mit E-Gitarre, Orgel und modernem Schlagzeug in höherer Stimmung. Im letzten Satz wechselt die Konzertmeisterin zur heutigen Violine, was einen großen Klangunterschied ausmacht. In den ersten drei Sätzen gibt es Chor und Gesangssolisten.

Woher stammt der Text?

Aus dem apokryphen Bartholomäus-Evangelium, das nicht für die Bibel kanonisiert wurde. Der Chor singt aber noch Textfragmente, die aus den Qumran-Rollen stammen.

Hatten Sie da theologische Hilfe?

Ja. Mein Sohn besucht das Canisius-Kolleg des Jesuitenordens. Den Rektor, Pater Klaus Mertes, den ich gut kenne, habe ich gebeten, den Text durchzusehen. Denn ich hatte nicht die Absicht, taktlos zu werden, jemanden zu provozieren oder zu verletzen.

Sie haben den Text also selbst geschrieben?

Ausgewählt und zusammengesetzt. Ich hatte das große Glück, dass Christian Filips dann alles auf sehr inspirierte Weise literarisch bearbeitet hat. Es gibt jedoch ein Fragment, das von dem russischen Symbolisten Alexej Remisow stammt. Ich hatte nämlich zuerst Remisow gelesen und dort den Hinweis auf Bartholomäus gefunden. In seiner Bearbeitung des Stoffes gibt es ein erdachtes Gespräch zwischen dem Engel und Jesus, das in den authentischen Bartholomäus-Texten nur angedeutet, aber nicht ausgeführt ist. Das habe ich übernommen.

Ist es seit der Moderne nicht ein Problem, dass ein Oratorium sich an eine große Gemeinschaft wendet, aber die musikalische Sprache sich immer stärker individualisiert hat?

Wahrscheinlich bin ich da zu naiv. Ich schreibe, was ich kann, folge meinen Kenntnissen und meinen Ohren. Und dann hoffe ich, dass es seinen Weg findet. Anders als in der Filmmusik wähle ich hier nicht bewusst eine bestimmte stilistische Ebene. Bei aller Musik, die mit Darstellung oder Bühne zu tun hat, achte ich allerdings auf Wirksamkeit. Denn ich bin selbst von einer Geschichte berührt und möchte das weitergeben. Das heißt aber nicht, dass ich mich stilistisch vereinfache. Vorbilder habe ich durchaus. Ich weiß, dass man den Mann in Deutschland nicht besonders schätzt, aber ich halte viel von Rachmaninow. Seine Chorvesper ist eines seiner besten Werke. Näher an sein Herz kommt man nicht. Gleichzeitig spürt man die tiefe Verwurzelung in uralten Kirchengesängen. Solch ein Ineinander von Individualität und Kollektivität, da haben Sie recht, gelingt ganz selten.

"Herz" haben Sie eben sehr betont.

O ja, ich weiß, in Deutschland schämt man sich fast, bestimmte Worte in den Mund zu nehmen. Immer wenn man "Gefühl", "Herz", "Seele" sagt, glaubt man, einen pornografischen Ausdruck gebraucht zu haben. Aber Kunst besteht doch nicht allein aus "Komplexität"!

Haben Sie den besonderen Raum des Berliner Doms bedacht?

Ich habe mir sogar mehrfach Raumpläne ausgedruckt und versucht, den Raum in jedem Satz unterschiedlich zu nutzen. Viele schimpfen ja über den Dom. Ich kann das nicht nachvollziehen. Dieser Raum ist reizvoll, trotz der Probleme mit dem langen Nachhall. Es gibt im Stück ja ein Oben und ein Unten, den Himmel und den Satan. Es gibt ein Weit und Nah auch im zeitlichen Sinn. Das alles kann man im Dom hervorragend zeigen.

Hat es für Sie eine Bedeutung, dass Ihr Oratorium innerhalb des Mendelssohn-Festes im Berliner Dom aufgeführt wird?

Das ist eine große Ehre. Für die Festivals moderner Musik existiere ich ja praktisch nicht. Doch meine Stücke werden trotzdem gespielt: in ganz normalen Konzerten, zwischen Dvorak und Haydn. Das ist mir wesentlich lieber. Wahrscheinlich, weil ich von klein auf nie nur im eigenen Saft geschmort habe. Ich liebe Musik insgesamt. All diese Trennungen verstehe ich nicht: Barock hier, Romantik da, neue Musik gegenüber - und für Frauen noch eine Extra-Ecke. Mendelssohn jedenfalls habe ich immer geschätzt. Seine Klaviermusik steckt voller Choräle, die mich sehr berühren. Mendelssohn und ich - das ist eine sehr fröhliche Verbindung.

Gespräch: Jan Brachmann.